Laure Wyss

Biografie

  • Neue Zürcher Zeitung, 20. Juni 2013

    Martin Zingg: Eigenwillig, leidenschaftlich, sprachmächtig

    «Sie war beides, Journa­listin und Schrift­stellerin, und beides war sie mit einer großen und genauen Leiden­schaft: Laure Wyss hat ein intensives und durchaus eigen­sinniges Leben gelebt. Nach einer behüteten Kindheit und Jugend in Biel macht sie sich zunächst auf eigene Faust nach Paris auf, wo sie an der Sorbonne studiert. Es folgen Studien in Zürich und Berlin. Früh schon ist sie eine umschwärmte Frau, und früh auch ist sie darauf bedacht, ihre Unabhän­gigkeit zu wahren. Sie hat es sich damit nicht einfach gemacht. […]

    «Leiden­schaften einer Unange­passten» lautet der Untertitel von Barbara Kopps umfang­reichen Werk. Was sie mit ihrer glänzend geschriebenen Arbeit präsentiert, ist mehr als nur der Gang durch die Jahre einer bedeu­tenden Journa­listin und Autorin. Zum Lesever­gnügen trägt wesentlich bei, dass Barbara Kopp die Stationen dieses Lebens immer wieder in scharf kontu­rierte Tableaus unterteilt und gekonnt inszeniert. Daraus werden gleichsam Moment­auf­nahmen einer Epoche, die enorme Verän­de­rungen erlebt hat: Mit ihrem bewegten Leben erscheint Laure Wyss vor dieser Folie wie ein Seismograf. Was an Leben und Werk der Wahlzür­cherin noch immer fasziniert, ist denn auch ihre unermüdliche und nie trium­phierende Reibung mit gesell­schaft­lichen Realitäten.

    Zum hundertsten Geburtstag der Autorin publiziert der Limmat-Verlag neben der eindrück­lichen Biografie auch ein «Lesebuch», worin Hans Baumann und Elisabeth Kaestli Gedichte, Erzäh­lungen und Ausschnitte aus Romanen vorstellen, ergänzt um einige unver­öf­fent­lichte Texte. Außerdem erscheint Ernst Buchmüllers berüh­rendes Filmporträt «Laure Wyss: Ein Schreibleben» von 1999 als DVD.»

  • Basler Zeitung, 20. Juni 2013

    Julian Schütt: Die Politik fängt bei den Windeln an

    «Laure Wyss war seit einer früh gescheiterten Ehe immer berufstätig und hatte als Mutter eines außerehelichen Kindes mit Benachteiligungen fertig zu werden. Ihre journalistischen Anfänge hatte sie beim Evangelischen Pressedienst, danach gestaltete sie für diverse bürgerliche Regionalzeitungen eine gemeinsame Frauenbeilage, «Frauen-Spiegel» genannt. Sie stellte, was für die Zeit ungewöhnlich war, verheiratete Mütter mit den unverheirateten gleich, andere Themen wie Scheidung oder Sexualität blieben allerdings ausgespart, und ein Bericht über eine Mutter, die ihr Kind allein großzog und dabei selbstbewusst argumentierte, konnte Laure Wyss nur unter Pseudonym im «Brückenbauer» veröffentlichen. Doch als Redaktorin des «Frauen-Spiegels» machte sie schon Ende der 1950er-Jahre klar, dass die Politik «sozusagen bei den Windeln» anfängt. Viel früher als das Gros der deutschsprachigen Frauenbewegung hob sie die Trennung zwischen Privatem und Politisch-Öffentlichem auf.

    Zu den eindrucksvollsten Momenten in Barbara Kopps Biografie, die kürzlich vorgelegt wurde, gehören die Abschnitte, in denen sich Laure Wyss mit Iris von Roten auseinandersetzt, deren Emanzipationsbuch «Frauen im Laufgitter» 1958 für einen Skandal sorgte und die danach sogar für Schweizer Feministinnen lange ein Tabu war. Die Juristin und einstige Redaktorin Iris von Roten duldete sowohl in Beruf und Einkommen als auch im Sexualleben keine Unterschiede zwischen Frauen und Männern und schrieb für ihre Zeit unerhört offen über den Wunsch der Frauen nach «freier Liebe». Laure Wyss applaudierte dem «tapferen Winkelried», aber zum Teil nur verhalten: «Was finden wir hinter der Bresche, die Iris von Roten uns schlägt? Die etwas kalte Welt eines materialistischen Frauenreichs, wo zur Abwechslung nun die Frauen regieren und sich nach Lust und Laune den passenden Mann angeln. Die Kinder werden dann in den Hort abgestoßen. Wer wünscht das?»

    Obwohl sie berufshalber eine Haushälterin beschäftigte, versuchte Laure Wyss möglichst viel Zeit mit ihrem Sohn zu verbringen. Im Vergleich zu Iris von Roten scheint sie ein eher moderates Liebesleben gehabt zu haben. Geheim bleiben musste die Beziehung zum ETH-Literaturprofessor und Rektor Karl Schmid, der mit der bekannten Schauspielerin Elsie Attenhofer verheiratet war, die freilich ebenfalls ihre geheimen Liebschaften pflegte.

    Schmids Intellektualität, Wissen und seine Kontakte zu C. G. Jung, Hermann Hesse oder zum ersten deutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss imponierten Laure Wyss. Schmid besprach an der ETH viele literarische Neuerscheinungen und seine Vorlesungen zogen so viel Publikum an, dass er sie doppelt halten musste. Er war Oberst im Generalstab, wurde von seinen vielen Ämtern und Pflichten aufgefressen, und Laure Wyss litt oft, dass er so unfrei war und mitunter sehr bourgeois dachte. Ihre Aufzeichnungen über ihn lesen sich zuweilen, so die Biografin Barbara Kopp, wie «Protokolle der Abhängigkeit und Unfreiheit». Der «innerste Kreis», also seine Frau und die Kinder, hatte stets Vorrang; für Laure Wyss blieb nur Zeit, wenn er «Freilauf» hatte.»

  • NZZ am Sonntag, Bücher am Sonntag, 30. Juni 2013

    Ina Boesch: Schreiben aus Leidenschaft

    «Auf der Rückseite von Kalenderblättern notierte sie die kleinen Ereignisse des Tages, hielt fest, was ihr Kind sagte und tat. Kürzestgeschichten auf Abreißzetteln: «Weisch, was e Journalistin isch? – Sie tuet plöuderle am Telefon.» Wortschöpfungen und Alltagskonflikte fanden Platz auf losen Zetteln, die manchmal unter andere Notizen gerieten, in Zeitungsstapeln verschwanden und unversehens wieder auftauchten.

    Was erhalten geblieben ist, liegt heute im Privatarchiv des einstigen Kindes. Dieses Archiv ist einer der vielen Quellenbestände, den Barbara Kopp für ihre reichhaltige Biografie über die Journalistin und Schriftstellerin Laure Wyss (1913–2002) erschlossen hat. […]

    In ihrer Biografie fördert Barbara Kopp viel Persönliches zu Tage. Ausführlich lässt sie die Protagonisten in Selbstzeugnissen zu Wort kommen, zitiert etwa aus leidenschaftlichen bis anklagenden Liebesbriefen, aus den Scheidungspapieren oder aus ihrer Anklage gegen den Kindsvater wegen Hausfriedensbruch und Gewaltanwendung. Kopps Blick hinter die Fassade zeigt, dass Laure Wyss – die Große, die Imposante, die Starke – auch eine Zerrissene war. Zerrissen zwischen privatem und öffentlichem Leben, zwischen Konvention und Unangepasstheit, zwischen Selbstsicherheit und Selbstzweifeln, zwischen dem Bedürfnis nach einer starken Schulter und dem Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit. […]

    Barbara Kopp findet für den Inhalt eine ideale Form. Sie spricht zwar nicht ausdrücklich von Zerrissenheit, präsentiert uns jedoch in kurzen, thematisch gegliederten, mit den Mitteln der Filmtechnik hart geschnittenen Kapiteln eine Zerrissene. Dazwischen platziert sie als Einsprengsel Erinnerungen von Weggefährten und Verwandten. Der Perspektivenwechsel ermuntert zu eigenen Deutungen.»

  • Thomas Feitknecht: Kämpferisch, aber nicht radikal

    Thomas Feitknecht: Kämpferisch, aber nicht radikal

    «Überzeugend zeigt Barbara Kopp, wie Laure Wyss die soziale und politische Entwicklung der Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte und erlitt, aber auch mitgestaltete. Beim «Luzerner Tagblatt» verdiente sie weniger als ihre männlichen Kollegen, und sie durfte auf Weisung des Verlegers (und dessen Gattin) bei der Abstimmung 1959 in ihrer Frauenbeilage nicht offen für die Einführung des Frauenstimmrechts eintreten. Doch stets fand sie Wege und Worte, sich verklausuliert für die Emanzipation der Frauen einzusetzen. […]

    Wenn Barbara Kopp sich eingehend mit dem Privatleben von Laure Wyss befasst, geschieht dies stets im Blick auf das öffentliche Wirken der Journalistin, das eng mit den persönlichen Erfahrungen einer Frau dieser Zeit verbunden war. Bezeichnend für diese Situation ist ein Beitrag, den Wyss unter dem Pseudonym Verena X. zum Muttertag 1954 im «Brückenbauer» veröffentlichte. Es war ihre eigene Geschichte, angereichert mit fiktiven erzählerischen Elementen. Laure Wyss «zeigte ihr Alter Ego als Opfer einer Gesellschaft, die jeder unverheirateten Mutter grundsätzlich Selbständigkeit und Verantwortungsbewusstsein absprach und sie für unehrenhaft hielt», schreibt ihre Biografin dazu.

    Wenn im letzten Kapitel das Leben von Laure Wyss als Schriftstellerin nach der Pensionierung (sie starb 2002) in weniger als drei Dutzend Seiten abgehandelt wird, liegt das in der Logik dieser Biografie, die eine politische und keine literarische sein will. Immerhin: Es war ein überaus produktives Vierteljahrhundert, in dem ein literarisches Œuvre entstand, das sich folgerichtig aus dem vorangegangenen journalistischen Schaffen entwickelte. Als Wyss’ Erstling «Mutters Geburtstag» 1981 in die renommierte, von Otto F. Walter begründete Sammlung Luchterhand aufgenommen wurde, war das eine Anerkennung und Würdigung als «richtige» Schriftstellerin.»