Gertrud Heinzelmann

Biographie

  • NZZ am Sonntag, 7. Dezember 2003

    Klara Obermüller: Quer zum damaligen Frauenbild

    «Als im Sommer letzten Jahres die Nachricht von den sieben Frauen um die Welt ging, die sich auf einem Donauschiff zu katholischen Priesterinnen hatten weihen lassen, wussten wohl die wenigsten, dass der erste Anstoß zu diesem Schritt auf die Initiative einer Schweizer Katholikin zurückging. 1962 nämlich hatte die Juristin und Frauenrechtlerin Gertrud Heinzelmann die Konzilsväter des Zweiten Vatikanums mit einer Eingabe aufgeschreckt, in der sie die Zulassung der Frau zum Priesteramt forderte. Zwei der sieben Frauen auf dem Schiff, Ida Raming und Iris Müller, waren seinerzeit mit Gertrud Heinzelmann in Kontakt getreten. Vierzig Jahre später nahmen sie für sich in Anspruch, was die Juristin quasi auf dem Dienstweg hatte erreichen wollen. Die umgehend erfolgte Exkommunikation der sieben Frauen wäre für Heinzelmann vermutlich ein Grund mehr gewesen, an der katholischen Kirche zu verzweifeln. […]

    In ihrem Buch mit dem bezeichnenden Titel «Die Unbeirrbare» hat die Journalistin Barbara Kopp das Leben der Gertrud Heinzelmann nachgezeichnet. Entstanden ist das facettenreiche und überaus subtile Porträt einer eigenwilligen und komplexen Persönlichkeit, die es weder sich noch den andern leicht machte. Barbara Kopp, die Gertrud Heinzelmann noch persönlich gekannt und einen Film über sie gedreht hatte, versteht es, ihr gerecht zu werden, ohne dabei die kritische Distanz zu verlieren. Weit davon entfernt, aus Heinzelmann eine Jeanne d'Arc der Schweizer Frauenbewegung zu machen, lobt sie ihre Unerschrockenheit und weist gleichzeitig darauf hin, wo ihre Schwächen lagen und wo die blinden Flecke, die ihr ansonsten gradliniges Denken aufwies. So hat Gertrud Heinzelmann in ihrem Kampf ums Frauenpriestertum zum Beispiel die Jungfräulichkeit in einer Weise verklärt, die angesichts der heutigen Zölibatsdebatten nur schwer verständlich ist.»

  • Berner Zeitung 18. Oktober 2003

    Yvonne-Denise Köchli: Spannender Prozess gerät ins Stocken

    «Seit rund dreißig Jahren ist eine erfreuliche Entwicklung zu beobachten: Geschichte wird nicht mehr nur von Männern über Männer geschrieben, sondern Historikerinnen, Philosophinnen, Theologinnen und andere Wissenschaftlerinnen haben die Suche nach den Spuren von Frauen aufgenommen, haben Dokumente und Erinnerungen ausgegraben, die Leben und Realitäten der weiblichen Bevölkerung sichtbar machen. Sie haben damit neue Perspektiven eröffnet, die zuvor systematisch ausgeblendet wurden. Nicht nur die Geschichtsschreibung ist dadurch facettenreicher und spannender geworden, sondern auch das Denken und die ganze Gesellschaft.

    Diese Entwicklung geht weiter, bloß geschieht das über weite Strecken unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Denn die Erzeugnisse dieser Spurensuche werden in den Medien immer stiefmütterlicher behandelt. So wie Frauen im Wahlkampf kein Thema waren, so werden auch ihre Beiträge kaum mehr beachtet. Beispiele? Unlängst ist von Barbara Kopp eine packende Biografie über Gertrud Heinzelmann («Die Unbeirrbare», Limmat Verlag) erschienen, die auf subtile Weise zeigt, wie erbarmungslos die Geschlechterapartheid in der Schweiz des 20. Jahrhunderts Frauenleben zerstören konnte. Für Gertrud Heinzelmann (1914-1999), Anwältin, erste Schweizer Ombudsfrau und Bergsteigerin, Frauenstimmrechtskämpferin und Fürsprecherin des Frauenpriestertums, war die doppelte Entmündigung in Staat und Kirche so unerträglich, dass sie nicht nur ihr Geschlecht, sondern auch ihre Geschlechtlichkeit verwünschte. Und doch hat die Einzelkämpferin viel für die Sache der Frau erreicht und maßgeblich zur Einführung des Frauenstimmrechts beigetragen.»

  • Orientierung, 15. Oktober 2003

    Adrian Loretan: Vergessene Geschichte erinnern

    «Als «Konzilsmutter», die nicht zugelassen war, hatte sie mehr erreicht als viele Konzilsväter. Sie trug wesentlich dazu bei, dass das Frauenstimmrecht 1971 in der Schweiz eingeführt wurde. Aber man kennt sie nicht, weil sie auch in Fachkreisen verschwiegen wird. Das Buch von Barbara Kopp «Die Unbeirrbare. Wie Gertrud Heinzelmann den Papst und die Schweiz das Fürchten lehrte», wehrt sich gegen das Vergessen dieser argumentativ starken Frau. Als Historikerin hat Barbara Kopp viele Zeitzeugen mündlich befragt, sie hat in verschiedensten Archiven geforscht und Primär- und Sekundärliteratur verarbeitet. Als Journalistin hat sie das Ganze in eine Form mit Bildern gebracht, in der man das 20. Jahrhundert leicht überfliegen mag. […]

    Neben dem unermüdlichen Einsatz in der Öffentlichkeit schildert Barbara Kopp in ihrem Buch auch den persönlichen Preis, den die «unbeirrbare» Frau für ihr Engagement zu bezahlen hatte.

    Wie Simone de Beauvoir schwankt Gertrud Heinzelmann zwischen einem Leben als Gläubige und dem Kirchenaustritt. Wegen der Familie verzichtet sie auf einen öffentlichen Protest. Ihr privates Aufbegehren besteht darin, dass sie den Kirchgang und die freiwillige Kirchensteuer weglässt. «Kein priesterlicher Zeigefinger wies fortan auf meine Geschlechtlichkeit, kein kirchlicher Amtsträger zerbrach meinen Elan.»»